Chancengleichheit ist gescheitert
Letzte Woche war ich im Biologieunterricht meines Sohnes – Fach „Natur und Technik“.
Was ich dort sah, hat mich tief betroffen gemacht. Einige wenige Schülerinnen und Schüler konnten dem Unterricht folgen, die Mehrheit wirkte hilflos und überfordert. Ich verliess das Schulzimmer mit einem dicken Kloss im Hals. Denn was ich dort erlebte, zeigt deutlich: Die vielbeschworene Chancengleichheit in der Sekundarstufe funktioniert nicht.
Alle Kinder – ob leistungsstark oder leistungsschwach – sitzen gemeinsam in einer Klasse. Der Gedanke klingt schön: gemeinsames Lernen, gegenseitige Unterstützung, keine Trennung. Doch die Realität sieht anders aus. Lehrpersonen kämpfen mit einer kaum zu bewältigenden Spannweite an Lernniveaus. Die Starken langweilen sich, die Schwächeren verlieren den Anschluss. Am Ende sollen alle dieselben Ziele erreichen – und bei den Prüfungen wird mit Sonderregelungen nachgebessert. Das ist keine echte Gerechtigkeit, sondern ein Pflaster auf ein gebrochenes Bein.
Chancengleichheit bedeutet nicht, dass alle dasselbe bekommen, sondern dass jedes Kind das bekommt, was es braucht, um sein Potenzial zu entfalten. Wenn ein System den Schwächeren keine Ruhe und den Stärkeren keine Herausforderung bietet, verfehlt es seinen Auftrag.
Wir müssen den Mut haben, wieder offen über Leistungsunterschiede zu sprechen. Differenzierung ist kein Rückschritt, sondern Verantwortung. Unsere Kinder verdienen keine Einheitslösung, sondern echte Förderung – individuell, gerecht und menschlich.
Sara Sangiacomo aus Niederhasli
November 2025


